Pressemitteilung Nr. 18/892

Modder: Wiedervereinigung ein generationsübergreifender Prozess – Ungleichheiten müssen weiter angegangen werden

Pressemitteilung Nr. 18/892

Am 3. Oktober 2020 jährt sich die deutsche Wiedervereinigung zum dreißigsten Mal. Die Bilder der Grenzöffnungen bleiben auch Jahrzehnte später unvergessen. Für Johanne Modder, Fraktionsvorsitzende der SPD im Niedersächsischen Landtag, steht jedoch fest, dass der Prozess des Zusammenwachsens im Brandt’schen Sinne nicht abgeschlossen ist: „Die letzten dreißig Jahre haben unser Land massiv geprägt und verändert. Noch immer blicken wir voller Dankbarkeit auf das Ereignis. Wir leben in einem wiedervereinigten Land, doch der Prozess des Zusammenwachsens ist noch nicht abgeschlossen.“

Modder verweist auf eine jüngere Studie der Bertelsmann-Stiftung, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt im vereinten Deutschland analysiert hat. „Der 3. Oktober 1990 weist auch 30 Jahre später kein gemeinsames Narrativ auf. Dies beginnt schon mit der Auseinandersetzung, ob von der Wende oder der Wiedervereinigung gesprochen wird. Für viele ostdeutsche Mitbürgerinnen und Mitbürger bedeutete das historische Ereignis einen Bruch mit ihrem bisherigen Leben – fehlende Anerkennung von Lebensleistungen, Ablehnung oder Missachtung, höhere Arbeitslosigkeit sowie ein geringes Renten- und Lohnniveau waren Aspekte, mit denen sie sich konfrontiert sahen und sehen.“

Modder mahnt an, dass häufiger die ostdeutsche Perspektive eingenommen werden müsse: „Für viele Menschen, die die Wiedervereinigung aus westdeutscher Sicht erlebt haben, ist dies ein wichtiges und historisches Ereignis. Doch hat es einen anderen Stellenwert als für jene, die im DDR-Regime gelebt haben und aufgewachsen sind. Vielfach wird die westdeutsche Perspektive als Standard betrachtet. Ich denke, dass wir auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung weiterhin respektvoll mit der ostdeutschen Perspektive umgehen und gemeinsam dafür Sorge tragen sollten, bestehende Ungleichheiten und Differenzen zu beseitigen. Als Politik ist es unsere Aufgabe, Ungleichheiten abzubauen, das Lohnniveau anzugleichen, Lebensleistungen anzuerkennen und zeitgleich jedoch auch wachsenden antidemokratischen Tendenzen gezielt entgegenzuwirken.“

Man müsse sein Vokabular schärfen, meint die SPD-Fraktionsvorsitzende: „Die Mauer beginnt schon häufig in den Köpfen. Wir dürfen nicht von ‚dem Osten‘ oder ‚denen‘ reden, Verallgemeinerungen schlagen nur noch größere Trennpfeiler ein. Wichtig ist es, die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede hervorzuheben, die uns allesamt in Deutschland verbinden.“ Die SPD-Politikerin ergänzt: „Zentraler Eckpfeiler, der die Menschen in unserem Land eint, ist neben der gemeinsamen Sprache und Geschichte die gesellschaftliche Solidarität. Es ist ein wichtiges Zeichen, wenn die Menschen dem Staat als Sozialstaat vertrauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt als Solidargemeinschaft verstehen.“

Abschließend appelliert die SPD-Vorsitzende: „Das Coronavirus ist die schwerwiegendste Herausforderung seit der Wiedervereinigung. Nur mit gegenseitiger Rücksichtnahme und dem Verständnis, dass wir als Gesellschaft diese Aufgabe nur gemeinsam meistern können, werden wir die Ausbreitung eindämmen und am Ende das Virus besiegen. In Zeiten, in denen Verschwörungsanhänger und Neonazis unseren demokratischen Zusammenhalt gefährden und versuchen, die Meinungshoheit in unserem Land zu gewinnen, ist es unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe, solchen Tendenzen entschieden entgegenzutreten. Uns alle eint unsere Verfassung, unsere Demokratie und unsere Freiheit.“